Vom 1. Juni bis 21. September 2003 fand unter der Schirmherrschaft von Ruth Wagner, Staatsministerin a.D., die vierte Ausstellung der Reihe "IM DIALOG" in der Darmstädter Stadtkirche statt. Der Stuttgarter Bildhauer Dietrich Klinge präsentierte seine Bronzen "WEHA II", "MADA II" und "AILANTHYA".

ZUM KÜNSTLER
DIETRICH KLINGE, 1954 In Heiligenstadt/Eichsfeld geboren,
1973-80 Studium der freien Grafik an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart bei den Professoren Peter Grau, Gunther Böhmer und Rudolf Schoofs. 1980-84 Studium der Bildhauerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart bei den Professoren Herbert Baumann und Alfred Hrdlicka. 1994 Felix-Hollenberg-Preis für Radierung. Dietrich Klinge lebt und arbeitet in Weidelbach bei Stuttgart.

ZUM WERK
"Mit der Werkgruppe der gestuften Sitzfiguren bietet Dietrich Klinge trotz oder gerade wegen seiner eingangs zitierten Verlust-Anzeige einen markanten Beitrag zum plastischen Menschenbild in der deutschen Skulptur der Gegenwart. Ursprünglich von ägyptischen Anregungen ausgehend, gelingt es ihm, in seiner plastischen Darstellung von irdischer oder geistiger Macht (und Ohnmacht), von Trieb und Anmut auf seine unverwechselbar eigene Weise einem alten Pathosmotiv neues, modernes Leben zu geben."
Christa Lichtenstern, in: Dietrich Klinge, Werkstattbuch 1986 – 1998.

"Dietrich Klinge möchte nicht als Neoexpressionist tituliert werden, weil ihm solche Form – und letztlich jede Form – der kunstgeschichtlichen Etikettierung zuwider ist. Aber er wird zustimmen, wenn man seinen neuen großen Sitzfiguren eine Ausdruckskraft attestiert, die ihnen zusammen mit ihrer stilistischen Unverwechselbarkeit, einen festen Ort auf dem Terrain der figurativen Gegenwartsplastik sichert."
Peter Anselm Riedl, in: Dietrich Klinge, Fünf große Figuren, 2001.

ZUR KONZEPTION
In den vergangenen beiden Jahren haben wir eher politische und soziale Fragen thematisiert: IM DIALOG II 2001, anhand der ‚Dresdner Frauen’ Rolf Szymanskis, die Auswirkungen von Krieg und Zerstörung auf das Bild vom Menschen und IM DIALOG III, anhand von Joannis Avramidis’ ‚Kouros, Figur, Polis’ das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft. Diesmal wird Schwerpunkt der Ausstellung eines der klassischen Themen der abendländischen Kunst sein: Adam & Eva, das Verhältnis von Mann und Frau. Welche Veränderungen in der Wahrnehmung und Beschreibung des Männer- wie Frauenbildes, des Verhältnisses der Geschlechter zueinander lassen sich ausmachen? Diese und ähnliche Fragen wollen wir aufgreifen, indem wir den lebensgroßen Figuren Landgraf Georg I. und seiner Frau Magdalena von Lippe, im Chorraum der Stadtkirche 2x Dietrich Klinges Adam & Eva (Gifur Mada & Gifur Vea / Mada II & Weha II) gegenüberstellen. Klinges Variante des alten Lebensbaum-Themas, seine Skulptur ‚Ailanthya’, im Mittelgang des Kirchenschiffes, soll zudem anregen über Hedonismus und Selbstverwirklichung, Selbstbezogenheit und Lust als Lebenskonzepte zu reflektieren.

AUS DEM AUSSTELLUNGSBUCH
Vielen Dank für die Anregung über mein und unser Menschsein nachzudenken. T.U. • Diese „Ausgaben“ Adam und Eva sind beeindruckend eigenständig – so wie wohl jeder/jede von uns. Ganz Mensch, ganz verwurzelt, und doch noch eine Dimension dahinter ahnend, hoffend, erwartend. Dank dem Künstler und Dank der Stadtkirchengemeinde für diesen Dialog. H.-N.C. • Beeindruckend die Kraft und der Reiz. A.R. • Adam hat keine Arme? Verloren gegangen? Ausgerissen? Noch nie gehabt? Wie kann er sie (wieder) bekommen? W.S. • Die Figuren Adam und Eva zeigen Bewegung und Ruhe. Ein Dialog ist aufgetan. Die dritte Figur erschließt sich nicht…bildet zwar einen dritten Raumpunkt…bleibt aber in ihrer Formensprache sowohl vom Maßstab, als auch von der Körper/Formen/Sprache im Raum isoliert. M.H. • Lieber Herr Klinge, Ihre Köpfe im Katalog gefallen mir sehr gut – mit den 3 Figuren hier in der Kirche kann ich leider nichts anfangen. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass es nicht zusammenpasst!!! D.A. • Ein Dialog mit Spannung zwischen Kopf und Bauch. W.H. • Leider kann ich mit dieser Kunst nichts anfangen. Sie ist für mich entstellend. H.S. • Schade, ich kann mich nicht dran freuen. K.L. • Ich finde die Gesichter der Figuren beeindruckend: ausdrucksstark mit ganz charakteristischen Wesenszügen. Die Körper gehören dazu und passen dazu, ebenso die Geste und Körperhaltung. Mir gefallen sie. H.S. • Haben diese „Sex-Gestalten“ wirklich etwas in einer Kirche zu suchen? Ich glaube eher – nein. H.B. • Entartete Kunst. A.A. • Geniale Skulpturen! A.A. • Sehr konzentriert und ausdrucksstark. M.B. • Adam und Eva – noch ursprünglich – unerlöst! U.G. • So wunderbar die Eva! Z.S. • Auch wenn’s dem Künstler nicht gefällt, wird er es kaum verhindern können, seine Arbeit im Neo-Expressionismus eingeordnet zu finden; denn es ist so! A.S. • Wie beeindruckend jedes Mal die Power der Frau – ihre ganze Lebensfreude zu betrachten. Mich macht es froh und steckt mich an. E.H. • Ein wunderbarer Kontrast, die bewegten aufeinander zugehenden, spannungsreichen Eva und Adam – und das statische, herzögliche Paar in der Altarwand. A.M. • Ich kam in die Kirche um Kraft zu finden für meinen weiteren Lebensweg und treffe auf nackte Körper voll Lust, Freude und Leben. Als Katholik undenkbar, mich berührt dies sehr und deckt unbekannte Potentiale auf. Sh. • Die alten Bäume am Woog sind mir lieber!!!, als diese verstümmelten Nackedeis. Der Mann hat keine Arme und die Frau hat einen zu großen Busen und wird in einer für mich als frauenbewegte Frau in einer affigen Haltung dargestellt. Ich habe auch aus Ton schöne Figuren getöpfert. Jeder Mensch ist ein Künstler. M.F.W. • Diese Art der Darstellung sollte nicht in einer Kirche präsentiert werden. Es ist ein Ärgernis, eine Provokation – sexuell zu übertrieben. K.A.P. • Genau meine Meinung! Eine Pieta würde besser passen. E.H. • Für mich passt zu den patriarchalen „Adam und Eva“-Gedanken, die phallische Wirkung der plastischen Darstellungen. Für mich ist die Frau keine mit penisähnlich anmutenden Händen. Meine Idee von der Urfrau ist im Schoß liebevoll-offen. O.K. • Dinosaurier haben nicht überlebt, aber ob das übertragbar ist? Lieber Herr Klinge, ist ihnen bekannt, dass die erste Frau Adams Lilith hieß? Ich könnte mir vorstellen, dass dieser Gedanke sie in einer anderen Art und Weise inspirieren wird. Danke für die Möglichkeit ihre Exponate zu betrachten. E.Sch. • Sollte aus der Kirche verbannt werden. W. • Schaffen wir doch den letzten Rest von Lebendigkeit und Provokation ganz aus unseren Kirchen ab! Und sehen, was übrig bleibt… Ich jedenfalls freue mich über die anregende Kunst im Sakralraum. Th. • Vielfältig, gegensätzlich, widersprüchlich – auf jeden Fall anregend – nicht nur die Figuren, auch die niedergeschriebenen Meinungen in diesem Buch (da wurden ja viele Gedanken „in Gang“ gebracht..) Fast alles – scheint gesagt. Fast nichts – scheint gehört. Nach der Themenpredigt von Prof. Moxter freue ich mich schon auf die Matinee am 31.8.! Schon oft war ich hier, um mir die Skulpturen zu betrachten und in den Ausstellungskatalogen zu blättern und zu lesen. Bis zum nächsten mal! K.O. • Danke für die Kraft und das Einfühlungsvermögen. A.V. • Irritation: Holz – Bronze? A.A. • Die Reihe – Dialog – ist bewundernswert, zugängliche Kunst im offenen Raum! Danke E.J. • Diese Kirche ist ein Kleinod, gemütlich und einfach und schön – Nur diese Figuren sind eine Schande – Der Künstler sollte sich schämen. Schade diese Art von Kunst oder wie man dazu sagen soll, gehört nicht in eine ev. Kirche, sondern auf den Müll. M. u. P. • Kraftvoll, oder wuchtig? Stolz, sensibel, einander zu- und abgewandt, es kommt alles drauf an wie wir einander begegnen. V.M.H. • Geschmacklos! Kunst? E.Sch. • Krampf in der Kirche, Sie haben’s mal wieder geschafft! A.A. • Wir kommen aus Frankfurt. Wir fühlen uns in der Kirche mit ihrer ruhigen Ausstrahlung sehr wohl. Über diese Kunst kann man nur schmunzeln. Gefallen tun uns diese Figuren nicht. Ch.W. • Ich bin überrascht mit wie viel Zorn diese kraftvollen und schönen Objekte in diesen Räumen angesehen wurden. Welche Erwartungen stellen manche Menschen an dieses Gebäude?! Ich finds schön! S.W. • Eine innovative Kirche – mein Kompliment! Ein aufgeschlossener Pfarrer – mein Kompliment! Kunst ist allgemein sehr schwer zu definieren; ich gehe nach meinem Gefühl und finde diese Skulpturen – wunderbar! S.V.W. • Kein Verständnis dafür!! Weg damit. A.A. • Kaum zu glauben! Da sollen riesengroße Brüste und ein männliches Geschlechtsorgan vor dem heiligen Altar zu Andacht anregen?! S.G. • In der Tat unglaublich!!! H.S. • Soll man in einer solchen Umgebung beten können??? A.A. • Auch wir sind seltsam berührt! W.+P.+L.

Fotos: Joachim Efinger, Stuttgart
© Stadtkirche Darmstadt

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